Am Ende war der Krebs stärker
Gerhard Seiberl ist tot: Mit ihm geht ein Stück Straubinger Eishockey Geschichte für immer
Der Mann auf der Eismaschine war in den 60er und 70er Jahren als Spieler als „der eiserne Besen" gefürchtet
Er war wie aus Granit gemeißelt. Hart, unerschrocken, unnachgiebig. Gerhard Seiberl war nicht zu verbiegen. Nie und nimmer. Dagegen wehrte er sich. Mit allen Mitteln. Bis zum Schluss. Am vergangenen Samstag war für Gerhard Seiberl Schluss. Krebs.
Zuerst Operation, dann Bestrahlung. Bis sich der Tod schließlich nicht länger hinhalten ließ. In den letzten Wochen ging es rapide bergab. Am Donnerstag nächster Woche wird der Seiberl zu Grabe getragen. Und mit ihm ein Stück des Straubinger Eishockeys.
Die jüngeren Zuschauer im Eisstadion am Pulverturm kennen ihn nur als den Mann mit den grauen Haaren, der in den Drittelpausen auf seinem Zamboni die Runden zog. Sie wissen nichts mehr von dieser 1,86 Meter großen, 90 Kilogramm schweren Kampfmaschine, die in den 60er und 70er Jahren als „der eiserne Besen" gefürchtet war, weit über die Grenzen Straubings hinaus.
Seine Checks waren berühmt
Der Gerd war Verteidiger und er verteidigte mit allem, mit allem, was er hatte. Und das beste, das er hatte, das war sein Körper, den er furchtlos, fast wie eine Waffe einsetzte. Seine Checks waren berühmt. Aus dem Lehrbuch. Oder an der Grenze zur Körperverletzung - je nachdem, auf welcher Seite man stand. Da kam es schon einmal vor, dass einem Gegenspieler - es war im Match gegen Deilinghofen - an der Bande der Helm zu Bruch ging. Oder im Spiel gegen Rosenheim, als Seiberl bei einem Zweikampf über die Bande kippte und sich zwei Rippen brach. Wenn's nur die Rippen gewesen wären... „Das wäre ja noch gegangen, aber ich habe mir dabei auch noch die Kufe an meinem rechten Schlittschuh gebrochen", erzählte der Seiberl gerne mit einem Lachen.
Irgendwie stand der Seiberl lange als Inbegriff des Straubinger Eishockeys. Groß, kräftig, nicht besonders talentiert und technisch und taktisch, mit dem ausgestattet, was man halt braucht. All das, was hier fehlte, musste man wettmachen mit Einsatz, Kampfkraft und Willen. So wurde in Straubing Eishockey gespielt. Dafür liebten die Zuschauer ihre Mannschaft im Eisstadion am Pulverturm, dafür liebten sie ihren Seiberl.
Haselnuss-Stecken und zerdrückte Bärenmilch-Büchsen
Am 6. Juli 1945 wurde der Gerhard in Straubing geboren. Groß wurde er ohne Vater. Der musste in den letzten Kriegswochen noch sein Leben lassen. In der Regensburger Straße wuchs der Bub auf, der Eisweiher war nicht weit. Mit Haselnuss-Stecken und zerdrückten Bärenmilch-Büchsen begann das Spiel. Mit 13 Jahren wurde er schließlich Mitglied der TSV-Eissportabteilung. Der Gerhard machte eine Lehre als Maschinenschlosser bei der Firma Hempel, die Dampfformtische für die Textilindustrie herstellte.
Beruf und Eishockey - das ließ sich damals oft nicht unter einen Hut bringen. „Ich habe mir bei der Arbeit mal einen Daumen gebrochen, bekam Gips und konnte nicht arbeiten", erinnerte sich der Seiberl. „Aber am Wochenende war ein Spiel. Ich musste dabei sein. Da habe ich mir mit einer Schere den Gips runter geschnitten und einen Socken drüber gezogen. Irgendwie ging das schon." Ja, beinahe wäre es in die Hose gegangen. Der Chef hat seinen Lehrbub erwischt und es gab mächtig Ärger.
Aber den nahm er gerne in Kauf. Ärger ging der Seiberl sowieso nicht aus dem Weg. Und der wartete damals regelmäßig, vor allem in Auswärtsspielen. „Wenn wir irgendwo dort oben in Köln oder Düsseldorf gespielt haben, gab es meistens Schlägereien", erzählte der Haudegen. „Die haben uns immer als Sauerkrautfresser beschimpft oder ihr Lied gesungen. Das ging irgendwie so: 'Ihr Bayern auf die Bande. Das Eis wird gefegt.' Tja. Und das hat uns richtig närrisch gemacht." Dann genügte ein Funke und die Bombe ging hoch. In Köln spielte damals ein Kanadier namens Biron. Und der demolierte bei einem Bully Straubings Spielmacher Jiri Wabnegger die Nase. „Da hab' ich mir den Kerl halt geschnappt." Wie die Keilerei ausgegangen ist, das ist nicht überliefert. Aber noch heute wird in Köln geflunkert über jenen Straubinger Spieler, der nach einer Schlägerei auf dem Eis auch in der Dusche und dann beim Umziehen in der Kabine noch nicht genug hatte.
Wasserski-Seilbahn in Texas
Dabei sind bis heute fast schon 40 Jahre vergangen. 77/78 beendet Seiberl seine aktive Karriere und ging für zwei Jahre nach Houston, Texas, wo er eine Wasserski-Seilbahn installierte. Mit den Kenntnissen, die er sich dort erwarb, war er auch maßgeblich am Aufbau der Wasserski-Bahn am Friedenhainsee beteiligt, die in all den Jahren seine große Leidenschaft war. Dass Gerhard Seiberl damals nach Amerika gehen konnte, hatte er seinem Arbeitgeber, dem TSV Straubing zu verdanken. Der hatte ihn schon seit 1968 als Eismeister für das Eisstadion beschäftigt und später für zwei Jahre frei gestellt.
1981 wurde Seiberl mit dem Eisstadion von der Stadt übernommen. Er gehörte dort unten am Pulverturm längst zum Inventar. Keiner kannte die Kältemaschine so gut wie er, konnte aus ihr das eine oder andere Prozent mehr an Leistung heraus kitzeln. Das war allerdings nötig, denn beim Bau der Piste und später bei der Überdachung lief nicht alles optimal. „Die Eisfläche ist nach unten nicht isoliert. Darum muss die Maschine gerade im Sommer oft mit doppelter Leistung fahren", wusste der Gerd. Noch schlimmer aber war der Fehler bei der Überdachung. Beim Bau der schweren Querträger wurde ein Gerüst auf der Piste aufgestellt, die sich daraufhin in der Mitte um neun Zentimeter absenkte. Die Folge: Beim Eis machen läuft das Wasser von außen nach innen. An den Banden ist das Eis dünn, im Mittelkreis zu dick.
Die Verhältnisse im Eisstadion am Pulverturm sind schwierig. Besonders für die Eismeister. Die alte Maschine, die Piste, das Kondenswasser, die Temperaturschwankungen - das alles erforderte viel Einsatz, oft nächtelang, damit am Wochenende gespielt werden konnte. Im Laufe der Jahre wurden die Anforderungen immer höher, Verein Spieler, Zuschauer immer unzufriedener mit ihrem Eis. Die oft laute Kritik hat tief drinnen im Seiberl ihre Spuren hinterlassen, hat an ihm genagt. In den letzten Jahren sah man den grauhaarigen Mann auf seinem Zamboni oft mit Gesichtszügen wie festgefroren eine der unzähligen Runden drehen. Auf einer von ihnen muss er den Spaß, die Freude an seinem Eishockey verloren haben...
Der Seiberl ist nur 60 Jahre alt geworden. Die Krankheit war am Ende stärker. Es war kein langer Kampf. Der Seiberl wusste, spürte bald, dass es mit ihm zu Ende ging. Aber gekämpft hat er trotzdem. Bis zum Schluss.
Quelle:
http://www.straubing-tigers.de